Scheinfirma will Rentner abzocken

Ruderting, den 03.01.2018

Scheinfirma will Rentner abzocken PNP-Bericht vom 30.12.2017

Rudertinger (74) wird mit Pfändung durch Inkassoteam gedroht – Er verhält sich richtig

 

Über Rosenheim fahren oder doch eine andere Straße ausprobieren? Alles beginnt damit, dass Gerhard Haas, 74 Jahre alt, eine Reise an den Gardasee machen will und nach einem Routenplaner im Internet sucht. Nach ein paar Klicks gelangt der Rentner aus Ruderting am Nachmittag des 11. Septembers 2017 auf die Seite von „Maps24 Routenplaner Online“. Er registriert sich per E-Mail – allerdings nicht in der Absicht oder im Wissen, einen Dienst zu kaufen. Und doch: Zwei Tage später kommt die Rechnung per E-Mail.

„Ich hätte mit meiner Registrierung ein Abo über ein Jahr abgeschlossen und müsste nun 500 Euro zahlen, hieß es da“, erzählt Haas. Die Rechnung, die Haas erhielt und die der PNP vorliegt, enthält weder Datum noch Anschrift. Dafür steht in der E-Mail folgende Aufforderung: „Bitte bezahlen Sie den offenen Betrag von 500,00 Euro binnen 7 Tagen per Amazon Payment.“ Wie das funktioniert, wird auch gleich ausführlich erklärt: Eine Amazon-Gutscheinkarte in der Höhe der Rechnung soll gekauft und der Gutscheincode per E-Mail an die Firma geschickt werden. Gezeichnet ist die E-Mail von einer Firma „Media Solution AG“ aus Berlin. Haas kommt das alles komisch vor. Er zahlt nicht.

Einen Tag später kommt die erste Mahnung. „Kein Widerrufsrecht“ und „gesetzliche Zahlungspflicht“ steht in dem Schreiben großgedruckt und mit mehreren Ausrufezeichen versehen. Gedroht wird mit einem negativen Eintrag ins Schuldenregister, Lohn- und Kontopfändung sowie Zwangsvollstreckung. Haas schreibt zurück, er habe nie 24 Monate Mitgliedschaft bestellt. Ihm wird schon etwas mulmig. Er zahlt nicht.

Die Firma lässt nicht locker: Einen Monat später kommt eine erneute Mahnung per E-Mail. „Wir fordern Sie letztmalig auf, den offenen Betrag von 520,00 Euro unverzüglich zu begleichen, um weitere Kosten und Unannehmlichkeiten zu vermeiden“, heißt es da. In Aussicht gestellt werden „erhebliche Anwalts- und Gerichtskosten“. Haas zahlt nicht.

Zwei Tage vor Weihnachten dann die nächste E-Mail: „Leider haben Sie die offene Rechnung vom 13.08.2004 immer noch nicht beglichen. (...) Aus diesem Grund wird Sie am Freitag, den 29.12.2017 um 10:00 Uhr unser Inkasso Team besuchen, um Ihre Wertgegenstände zu pfänden.“ Gegenstände sollen mit einem Kleintransporter abtransportiert werden, für größere Gegenstände eine Spedition beauftragt werden, steht in der E-Mail. Sollte er die Tür nicht öffnen, droht ihm die „Media Solution AG“ mit Schlüsseldienst und Polizei. Vermeiden könne er dies nur, wenn er unverzüglich 750 Euro zahlen würde.

„Als die E-Mail mit der Pfändung gekommen ist, schaute ich schon dumm“, erzählt Rentner Gerhard Haas. Die Rechnung habe zwar ein falsches Datum aus dem Jahr 2004 enthalten und ihm sei klar gewesen, dass in Deutschland nur ein Gerichtsvollzieher pfänden darf – aber Sorgen machte er sich trotzdem. „Am Ende kommt ein Schlägerteam“, spekulierte er. Haas ärgerte sich, dass ihm dieser Fehler im Internet passiert ist – dass er sich per E-Mail registriert hat. „Eigentlich bin ich regelmäßig im Internet unterwegs und von Haus aus vorsichtig“, erzählt er. Und dann das. So kurz vor Weihnachten der Schock mit der angedrohten Pfändung.

Haas hat alles richtig gemacht: Nach den Feiertagen hat er sich gleich bei der Polizei gemeldet. Die gab Entwarnung: Das Wichtigste sei, dass er nicht gezahlt habe – und man rechne nicht damit, dass ein Inkassoteam auftauchen werde. Laut dem Passauer Polizeisprecher Michael Ammerl sind jüngst keine weiteren Vorfälle dieser Art im Raum Passau gemeldet worden. Er räumt aber ein: „Solche Fälle gibt es immer wieder, die kommen meistens schubweise.“

Sein Ratschlag an Betroffene: „Einfach nicht reagieren. Auf keinen Fall Kontodaten preisgeben oder Geld überweisen, dafür mit dem Anschreiben zur Polizei gehen.“ Laut Ammerl handelt es sich bei dieser Abofalle um eine „straflose Vorbereitungshandlung“: Ein Delikt oder ein Betrug liegt nicht vor, da keiner zu Schaden gekommen ist. „Kriminelle probieren so etwas immer wieder und zählen auf die Unbedarftheit im Netz.“

Der Passauer Anwalt Stefan Loebisch gibt online Rechtstipps zur „Routenplaner-Abofalle“, wie er sie nennt. Der entscheidende Satz sei klein im Impressum versteckt: „Die 24 Monate Mitgliedschaft kostet bei Anmeldung 500 Euro, die Abrechnung erfolgt im Voraus. Bitte beachten Sie, dass Sie bei Missbrauch unseres Services mit Straf- und Zivilrechtlichen Folgen rechnen müssen“, steht da. Das Fazit des Anwalts: „Abofallen-Opfer müssen Zahlungsaufforderungen der Media Solution GmbH nicht beachten. (...) Daran ändern auch Drohungen mit strafrechtlichen und zivilrechtlichen Folgen nichts.“

Freitag, 29. Dezember, 10 Uhr. Jetzt ist der Zeitpunkt, für den die „Media Solution“ das Inkassoteam mit Lieferwagen zum Abtransport angekündigt hat. Gerhard Haas ist daheim. Keiner kommt. san