Zukunftsfähige Wohnmodelle

Ruderting, den 12.01.2018

Zukunftsfähige Wohnmodelle PNP-Bericht vom 11.01.2018

Sozialbetriebswirtin Martina Kirchpfening zeigt bei Info-Abend in Ruderting Möglichkeiten auf

 

Theresia Wildfeuer. Wohnmodelle mit einer Dorfmitte, das Projekt „Das kleine Haus“, Wohngemeinschaften für Jüngere und Ältere, Mehrgenerationensiedlung oder „Wohnen für Hilfe“ – unter dem Titel „Neues Wohnen auf dem Land und wie es gelingen kann“ hat Martina Kirchpfening im Landgasthof „Zum Müller“ zukunftsfähige, nachhaltige Wohnmodelle und Alternativen zu bisherigen Baugebiets-Planungen aufgezeigt, die sich an den Lebensphasen der Bewohner orientieren. Zu dem Abend luden die „Bürger für Ruderting“ ein.

 

Visionen entwickeln und die Bewohner miteinbeziehen

 

Der Gemeinderat habe ein großes Baugebiet zu planen, sagte Eva Maria Fuchs, Gemeinderätin und Vorsitzende der „Bürger für Ruderting“, vor rund 50 Besuchern, darunter die Ratskollegen der BfR, FWG und SPD, im Blick auf das von der Gemeinde erworbene, 60 000 Quadratmeter große Areal in Reisach, auf dem ein rund 40 000 Quadratmeter umfassendes Wohngebiet entstehen soll. Es gelte, daraus etwas Schönes, Attraktives, Passendes für Jung und Alt und Bezahlbares zu machen, das nachkommende Generationen finanzieren und erhalten können. Planen für die Zukunft von Ruderting, laute das Anliegen. Die Veranstaltung wolle über Entwicklungen und Fakten informieren, aber auch Sehnsüchte und Wünsche aufzeigen, zum Beispiel, was Menschen reizt, auf dem Land zu wohnen, warum junge Menschen nach Studium und Ausbildung zurückkehren und warum alte Menschen auf dem Land bleiben möchten. Der Vortrag zeige zugleich alternative Wohnmodelle und nachhaltige Lebensweisen auf.

Martina Kirchpfening wuchs in der Großstadt auf und lebt seit 2010 in einer Einöde in Altschönau. Die Sozialbetriebswirtin und -pädagogin und „Lobbyistin“ der jungen Generation präsentierte einen anderen, ungewöhnlichen Blick auf die Planung von Wohnraum auf dem Land. Die Initiatorin des Vereins „Zeitwende e.V. nachhaltig leben und wirtschaften“, der für eine zukunftsfähige, nachhaltige Entwicklung steht, schilderte Sehnsüchte und Entwicklungen. Gemäß einer mit der Uni Passau für den Landkreis Freyung-Grafenau erstellten Studie von 2017 erzählte sie über die Wohnwünsche junger Leute der Region. 85 Prozent der Zwölf- bis 24-Jährigen, die hier aufwuchsen, wollten weiterhin ländlich wohnen. 22 Prozent kämen nach Ausbildung oder Studium zurück.

Je nach Lebensphase gebe es unterschiedliche Wohnbedürfnisse. Kirchpfening riet, Visionen zu entwickeln, um für nachfolgende Generationen den Wohnraum zu schaffen, den sie sich in ihren Lebensphasen wünschen, etwa mit Kinderbetreuung, Verkehrssicherheit, Jugendarbeit, Freizeit- und Kulturangebot. Unabdingbar sei dabei die Beteiligung der Bewohner, vor allem junger Menschen. Sie nahm nicht raumplanerische Aspekte in den Fokus, sondern soziale. Räume müssten so beschaffen sein, dass sie Begegnung und Kommunikation ermöglichen. Dörflicher Zusammenhalt sei Synonym für Wohn- und Lebenszufriedenheit.

Kirchpfening empfahl nach den Thesen des Architekten Jan Gehl in Kopenhagen Siedlungen mit einer Mitte als Treffpunkt und einer Wohnbebauung um diese herum, die Individualität und Rückzug auf die private Terrasse ermöglicht. Weitere Beispiele innovativer Wohnformen seien unter anderem die Mehrgenerationensiedlung in Bad Endorf bei Rosenheim von Hans Fritz aus neun Einfamilienhäusern und einem Haus mit Gemeinschaftsraum und Single-Wohnungen nach dem Dorfmodell und „das kleine Haus“ in Schärding von Hans Fritz. Es sei rund 100 Quadratmeter groß und bezahlbar für junge Familien. Weitere Wohnideen habe die österreichische Zukunftsakademie unter dem Titel „Modernes Leben und Wohnen für junge Erwachsene“ mit diesen erarbeitet. Weitere Projekte seien WGs für Azubis oder „Wohnen für Hilfe“ in Fürstenfeldbruck für Studenten, die betagten Vermietern zur Seite stehen. In der regen Diskussion ging es um die Einbeziehung junger Menschen in die Planung. Diese würden oft unterschätzt und wüssten durchaus, wie sie leben wollen, antwortete Kirchpfening auf die Frage von Eva Maria Fuchs. Elisabeth Kriegl aus Tittling erzählte, wie schwer es dort für junge Leute ist, eine bezahlbare Wohnung zu finden. Sie wünschte sich Alternativen zu den großen Wohngebieten, in denen „alles tot“ sei. Kirchpfening ermutigte dazu, den Bedarf zu artikulieren und Leerstände zu nutzen.

Eva Maria Öttl regte an, das neue Baugebiet in Reisach aufzuteilen für Traumhäuser und sozialen Wohnungsbau. In Ruderting habe man bereits vor einigen Jahren die Vision gehabt, am Pfarrgarten Mehrgenerationenhäuser zu bauen. Es gebe aber auch jene, die Geld verdienen wollten. Kirchpfening riet, den Dialog mit den Investoren zu suchen und sich an einen Tisch zu setzen, Wünsche und Träume aufzuzeigen, Ziele zu formulieren und dabei die Betroffenen miteinzubeziehen.

Seniorenvertreter Rudolf Zimmermann schlug vor, das Thema auf der nächsten Sitzung des „Arbeitskreises Zukunft“ am 30. Januar zu diskutieren, der als „Ideenschmiede“ gegründet worden sei.

Einstiegswohnungen seien ein wichtiger Faktor, um junge Leute zurückzuholen, sagte Josef Pauli. Dabei schließe man aber andere aus. Dies sei nicht der Fall, wenn die Planung auf eine breite Basis gestellt und Informationen an alle gegeben würden, entgegnete die Referentin. Wichtig sei, nicht zu schnell voranzuschreiten. In Ruderting würden Bauplätze gesucht, sagte Gemeinderat Ludwig Kolbeck. Weil im Ort kein Grund verkauft werde, entstehe außerhalb Bauland. Dort solle es auch bezahlbare Wohnflächen mit einer Mitte geben. Die Idee, ein Baugebiet nach den Lebensphasen der Bewohner zu planen, sei eine Bereicherung.

Eva Maria Fuchs riet, auf den Mitgliedsversammlungen der Fraktionen Vorschläge für eine neue attraktive Siedlung zu erarbeiten und im Gemeinderat zu diskutieren. Es gelte, den Mut zu neuen Modellen zu haben und über den Tellerrand zu blicken.

 

 

Ein Thema für den „Arbeitskreis Zukunft“

 

Architekt Roland Heininger fand die Ideen zum Generationenwohnen von Hans Fritz gut. Es sei aber dafür zu spät, da die Gemeinde den Grund schon gekauft habe. Architekt Markus Krenn hielt die „Hans-Fritz-Häuser“, die sich etabliert haben, für eine Illusion in Ruderting.

Ein Gedanke aus dem Vortrag sei, Bauparzellen auf 300 Quadratmeter zu verkleinern, um erschwingliche Grundstücke zu erhalten, sagte Kurt Ziegler. Er betonte die „gute Durchmischung“ mit Älteren, Jüngeren und jungen Familien.

Die rege Diskussion zeige, dass es Informationsbedarf gibt, resümierte Fuchs. Das Thema bleibe weiter aktuell.

 

Foto: Vorschaubild zur Meldung: Zukunftsfähige Wohnmodelle