Bayern als Produkt einer Revolution

Ruderting, den 12.03.2019

Bayern als Produkt einer Revolution PNP-Bericht vom 12.03.2019

Vortrag von Michaela Karl und Musik von der„Sturmberger Feiertagsmusi“

 

Sittenberg. Der „Freistaat Bayern“ ist das Produkt einer unblutig verlaufenen Revolution der Bürger und keine „Erfindung“ der CSU – dieser Eindruck entstand bei der Lesung „Revolution in Bayern“ in Sittenberg. Katholische Landvolkbewegung, katholische Erwachsenenbildung und die Bücherei Ruderting hatten genau am 100. Jahrestag der Ermordung des ersten gewählten bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner ins Gasthaus Billinger in Sittenberg eingeladen. Es kamen 40 Bürger.

Nach dem Auftakt mit der melodisch etwas durch die „Sturmberger Feiertagsmusi“ verjazzten Bayernhymne forderte der KLB-Kreisvorsitzende Johannes Schmidt zu einer Gedenkminute an den ersten gewählten bayerischen Ministerpräsidenten auf. Schmidt hob hervor, dass der Sturz der Monarchie durch eine zunächst unblutige Revolution des Bürgertums am 7. November 1918 erfolgte. Er hob hervor, dass eine Reihe von Änderungen aus dieser Phase bis heute Bestand hätten, so das eingeführte Frauenwahlrecht oder der Achtstundentag. Als Referentin begrüßte er die Politikwissenschaftlerin und Historikerin Dr. Michaela Karl, die mehrjährige Lehrbeauftragte an der Münchner Hochschule für Politik und der Bundeswehrhochschule war, und eine Viererformation der „Sturmberger Feiertagsmusi“ aus Passau, die für die passenden Musikeinlagen engagiert worden war.

Michaela Karl ging ebenfalls auf Kurt Eisner ein. Es werde von vielen, insbesondere in der CSU, als Makel empfunden, dass der Erfinder des Freistaats ein unabhängiger Sozialist war, ein Revolutionär, der die Agonie der Monarchie und die Gunst der Stunde nutzte, um den Freistaat auszurufen. Dieses Empfinden des angesprochenen Makels scheint soweit zu gehen, dass Ministerpräsident Markus Söder es bei der Einhundertjahrfeier des Freistaats vermied, Kurt Eisner zu nennen.

Eingehend auf den Todestag Eisners stellte sie fest, dass es ein feiger und eigentlich auch überflüssiger Mord war, verübt von dem nationalistischen und aristokratischen Fanatiker Anton Graf von Arco auf Valley. Kurt Eisner war auf dem Weg zur Landtagseröffnung mit seiner Rücktrittsrede, da die Wahlen am 12. Januar für seine USPD vernichtend verloren wurden. Sie erhielt nur 2,5 Prozent, die SPD 33 Prozent und die Bayerische Volkspartei 35 Prozent. Dass es angesichts gesellschaftlicher Missstände zur Revolution kam, hat seine Ursache vornehmlich im Ersten Weltkrieg, der die Grundlagen der Monarchie untergrub und sozialen Sprengstoff freilegte. Nach dem zweiten Kriegsjahr kam es durch den über Bayern verhängten Abgabezwang von landwirtschaftlichen Gütern ans Reich zu Versorgungsengpässen. Das Königreich Bayern konnte die Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln, Holz und Kohle nicht mehr sicherstellen. Das führte im Volk zu großen Zweifeln an der machtlosen bayerischen Obrigkeit. Nachdem sich im Spätsommer 1918 die Erkenntnis durchsetzte, dass der Krieg verloren war, mehrten sich die Anzeichen für einen Aufstand.

Karl erklärte weiter: „Die Revolution verlief unblutig. Am 7. November gab es eine große Kundgebung mit mehreren tausend Leuten, darunter ungewöhnlich viele Soldaten und Matrosen. Bis zum Abend waren alle Kasernen, Ministerien, Polizeipräsidium, Bahnhof, Post und alle wichtigen Zeitungsredaktionen in den Händen der Revolutionäre. Im Matheserbräu tagen die Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte und noch in der Nacht wählten die Räte Kurt Eisner zum ersten Ministerpräsidenten der Republik Bayern.“ König Ludwig III verließ fluchtartig die Landeshauptstadt und dankte ab. Obwohl die SPD über die erfolgte Revolution alles andere als erfreut war, so Karl, beteiligte Kurt Eisner die SPD an der Regierung.

Mit viel Applaus dankten die Zuhörer Michaela Karl und der „Sturmberger Feiertagsmusi“ für einen ungewöhnlichen Vortragsabend. Wie stellte ein Besucher beim Verabschieden fest: „Es war ein um viel Wissen bereichernder Abend“.js

 

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