Mit jedem Billigschnitzel essen wir ein Stück Regenwald

Ruderting, den 17.07.2019

„Mit jedem Billigschnitzel essen wir ein Stück Regenwald“

PNP-Bericht vom 17.07.2019

 

Dr. Putz zeigt am Energiestammtisch auf, wie man „Lungenflügel der Welt“ schützen kann – Beispiele nachhaltiger Nutzung

 

Die Regenwälder Südamerikas sind nicht nur von großer Bedeutung für das Erdklima. Sie sind ein Wunder der Artenvielfalt und eine Apotheke. Doch der „Lungenflügel der Welt“ ist bedroht, die Zerstörung enorm. Wie es gelingt, den Regenwald zu schützen, hat Biologe Dr. Rainer Putz, Leiter des Regenwald-Instituts Freiburg, dem Bürgerenergiestammtisch in Sittenberg aufgezeigt.
„Das Endspiel, ob wir auf der Erde weiter leben können, läuft derzeit“, sagte Rainer Putz, der fünf Jahre für das Max-Planck-Institut im Amazonas-Regenwald forschte. Er schilderte, wie wichtig dessen Schutz ist. Die 7,5 Millionen Quadratkilometer große grüne Lunge Amazoniens beheimate drei Viertel der weltweiten Flora und Fauna. Sie sei somit ein Genpool und beeinflusse auch das Klima. Die Abholzung des Regenwalds bedeute, dass eine Vielzahl von Arten schwinden. Auf einem Hektar gebe es allein rund 400 verschiedene Baumarten. Auf jedem Baum lebten 3000 Arten, die bestimmt werden konnten. Der Regenwald sei auch Lebensraum für 390 indigene Völker, rund drei Millionen Menschen. Das einzigartige Ökosystem sei bedroht. Zerstörer seien die Sojaproduzenten, die auch für die deutsche Viehmast und Fleischproduktion anbauen, sowie Viehzüchter, Zuckerrohr- und Palmöl-erzeuger. „Mit jedem Billigschnitzel essen wir ein Stück Regenwald auf“, sagte Putz.
Putz nahm die Zuhörer mit in den Dschungel und schilderte, wie schlimm es um diesen bereits bestellt ist. 25 Prozent seien bereits abgeholzt. Der Kipppunkt liege bei 40 Prozent. Dann habe die Zerstörung ein Ausmaß erreicht, bei dem sich das Ökosystem nicht mehr selbst erhalten kann. Die erste große Katastrophe in Amazonien habe es 2005 und 2009 gegeben, als riesige Flüsse zu kleinen Rinnsalen wurden. Es sei zu Trinkwasserknappheit und großen Fischsterben gekommen. Trotz der drei Jahrhundertdürren und -fluten innerhalb von 15 Jahren lasse die neue brasilianische Regierung weiter abholzen.
Die Zerstörung des Regenwalds, der eine „gigantische Klima-Maschine“ ist, und seines Artenreichtums habe Auswirkungen auf Deutschland und Europa, sagte Putz. Die Folgen des Artenverlusts zeigte er an einem Frosch, der ein Sekret enthält, mit dem man Morphium als Schmerzmittel ersetzen kann. Der Regenwald sei eine riesige Apotheke. Die Brandrodung ermögliche zwar drei Ernten. Zurück bleibe aber eine Mondlandschaft. Soja-Anbau sei wie die Lizenz zum Gelddrucken. Das Land werde genommen und koste somit nichts.
Putz zeigte aber auch „Beispiele für Hoffnung“ auf. Um den Menschen im Regenwald zu einer Einkommensquelle zu verhelfen, gründete er 1997 das Regenwald-Institut in Freiburg. Sein Anliegen war, Projekte vor Ort mit der indigenen Bevölkerung zur nachhaltigen Nutzung des Regenwalds zu realisieren. Er initiierte einen Regenwaldladen mit fair gehandelten Produkten aus dem Regenwald, damit dessen Bewohner, die sich gegen die Großgrundbesitzer wehren, ein Auskommen haben und der Wald stehen bleibt.
15 Projekte gebe es derzeit, erzählte Putz. Er erläuterte das Wildkakaoprojekt, das 300 Familien in einer Kooperative realisieren, die bis 2014 einen deutschen Schokoladenhersteller und seit 2016 einen Lübecker Marzipanbetrieb im Boot hat. Zudem sei eine Dorfschule aufgebaut worden, berichtete Putz. Um die nachhaltige Nutzung und den Erhalt des Regenwalds zu gewährleisten, seien Patenschaften möglich. Für 50 Euro könne man eine Patenschaft für 2500 Quadratmeter Regenwald erwerben.
In der regen Diskussion ging es um die Art und Weise einer nachhaltigen Nutzung des Regenwalds. Zu der Idee, den Regenwald Amazoniens als Weltkulturerbe zu schützen, sagte Putz, die neue brasilianische Regierung betrachte den Regenwald als Wirtschaftshemmnis. Sein Schutz sei politisch nicht gewollt.
Hoffnung gebe, dass Entwicklungsminister Müller zur Rettung des Regenwalds und sogar zu einem Produktboykott von Soja und Palmöl aufruft, betonte Johannes Schmidt, Kreisvorsitzender der KLB. Der Stammtisch treffe sich auch aus anderen Gründen an einem historisch denkwürdigen Tag. Es sei bekannt geworden, dass im Juni 2019 der Anteil am Stromaufkommen in Deutschland aus erneuerbaren Energien erstmals über dem der herkömmlichen Energien lag. Von der Gesamtproduktion von 37,49 TWh Strom stammten 19,44 TWh aus Erneuerbaren und 18,05 TWh aus anderen Stromquellen. Der nächste Stammtisch findet am 12. September mit einer „Stromwechsel-Party“ statt.
tw

 

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